Hinweis: TestDisk (Partitionswiederherstellung) und PhotoRec (signaturbasiertes File-Carving) sind die beiden kostenlosen Referenztools von CGSecurity. Diese Anleitung konzentriert sich darauf, wann man welches Tool wofür einsetzt – basierend auf den dokumentierten Fähigkeiten und der Praxis, nicht auf einer Wikipedia-Zusammenfassung.
TestDisk und PhotoRec sind die beiden Open-Source-Referenztools zur Datenrettung. Kostenlos, leistungsstark und für Einsteiger einschüchternd. Aber sie tun nicht dasselbe – und das falsche Tool zur falschen Zeit zu wählen, kann dich Stunden kosten oder die Lage verschlimmern.
Diese Anleitung bringt Klarheit: welches Tool, für welchen Fall, mit konkreten Schritten.
30-Sekunden-Urteil: Welches Tool soll ich nutzen?
| Situation | Empfohlenes Tool |
|---|---|
| Beschädigte oder fehlende Partitionstabelle | TestDisk |
| Unzugängliche logische Partition (RAW, beschädigtes Dateisystem) | TestDisk |
| Vollständig formatierter Datenträger, Tabelle nicht wiederherstellbar, Fotos/Dokumente nötig | PhotoRec |
| Schnelle Wiederherstellung nach Dateityp (JPG, PDF …) | PhotoRec |
| Dateinamen und Ordnerstruktur müssen erhalten bleiben | TestDisk (P-Auflistung) oder EaseUS |
| Nicht-technischer Nutzer, keine CLI-Erfahrung | EaseUS Data Recovery Wizard |
Kurz gesagt:
- TestDisk: das leistungsstärkste Tool für Strukturen (Partitionstabellen, Bootsektoren), aber mit der steilsten Lernkurve.
- PhotoRec: unschlagbar beim File-Carving nach Dateityp – um den Preis verlorener Namen und Ordnerstrukturen.
- EaseUS Data Recovery Wizard: am zugänglichsten für nicht-technische Nutzer (grafische Oberfläche, Dateivorschau, kostenloses Kontingent bis 2 GB).
Diese beiden Tools sind eher komplementär als konkurrierend. Die eigentliche Frage lautet nicht „welches ist besser", sondern „welches passt zu meinem Problem".
TestDisk: Das Tool, das Strukturen repariert
Geschichte und Auftrag
TestDisk entstand 1998 in den Köpfen von Christophe Grenier, einem französischen unabhängigen Entwickler. Version 1.0 erschien 2002, und Version 7.2 (die neueste, mit ARM64-Mac-Unterstützung) kam 2024. Das Projekt wird auf cgsecurity.org gehostet und unter GPL v2 vertrieben.
Der Auftrag von TestDisk ist präzise: Low-Level-Strukturen rekonstruieren und reparieren (Partitionstabellen, Bootsektoren, Dateisysteme). Es führt kein File-Carving durch.
Wichtigste Stärken
- Partitionstabellen: vollständige Rekonstruktion von MBR (MS-DOS) und GPT
- Dateisysteme: NTFS, FAT12/16/32, exFAT, ext2/3/4, HFS+, APFS (teilweise), UFS, Linux RAID
- Bootsektor-Reparatur: Windows-MBR-Reparatur, Wiederherstellung des NTFS-Bootsektors
- Datei-Auflistung: Navigation in beschädigten Dateisystemen und selektives Kopieren (Taste P, dann C)
- Plattformübergreifend: Windows, Linux, macOS (Intel + ARM64), FreeBSD, DOS, OpenBSD
- Oberfläche: Text-/CLI-Modus, per Tastatur navigierbar
Einschränkungen
- Hohe Lernkurve: Die Textoberfläche verwirrt nicht-technische Nutzer
- Keine Dateivorschau vor der Wiederherstellung
- Teilweise APFS-Unterstützung (Lesen OK, Reparatur begrenzt)
- Kann keine Dateien wiederherstellen, wenn die Dateisystemstruktur vollständig zerstört ist
PhotoRec: Der File-Carving-Spezialist
Wie File-Carving funktioniert
PhotoRec liest keine Dateisysteme. Es scannt den Datenträger Byte für Byte und sucht nach Dateisignaturen (Magic Bytes). Jedes Format hat einen erkennbaren Header: FF D8 FF für JPEG, 25 50 44 46 für PDF, 50 4B 03 04 für ZIP/DOCX/XLSX usw.
Der Name „PhotoRec" ist irreführend: Das Tool stellt über 500 Dateiformate wieder her – Fotos, Videos, PDFs, Office-Dokumente, Archive, SQLite-Datenbanken und mehr.
Ideale Anwendungsfälle für PhotoRec
- Vollständige Datenträgerformatierung (die Daten sind noch da, nur die Verweise fehlen)
- Vollständig zerstörte Partitionstabelle selbst nach TestDisk
- Fotowiederherstellung von einer SD-Karte, die wiederverwendet oder neu formatiert wurde (Fotografen-Szenario)
- Massenextraktion bestimmter Dateitypen aus einem abgestürzten NAS
Einschränkungen
- Dateinamen verloren: Alles wird in f0000001.jpg, f0000002.jpg … umbenannt
- Ordnerstruktur nicht rekonstruiert: alle Dateien in nummerierten Ordnern
- Fragmentierte Dateien selten wiederherstellbar (Grenze des File-Carvings)
- Manuelle Sortierung nach der Wiederherstellung nötig (Tausende Dateien)
Wann TestDisk nutzen: konkrete Fälle und Schritte
Fall 1: Fehlende Partitionstabelle (Datenträger nicht erkannt)
Symptom: Windows zeigt „Datenträger nicht initialisiert" an, oder Linux sieht eine leere Platte ohne Partition.
Konkrete Schritte:
- TestDisk von cgsecurity.org herunterladen, als Administrator (Windows) oder root (Linux) ausführen
- Betroffenen Datenträger wählen →
Proceed - Partitionstyp:
Intel(MBR) oderEFI GPT(je nach Datenträger) Analyse→Quick Search- Findet TestDisk die verlorene Partition, erscheint sie grün/rot/gelb
- Taste
Pdrücken, um Dateien aufzulisten: siehst du deine Dateien, ist die Partition wiederherstellbar Writewählen, um die Tabelle zu schreiben → neu starten → im Betriebssystem prüfen
Typische Dauer: 10 bis 20 Minuten für eine gesunde 1-TB-HDD.
Fall 2: NTFS-Partition wird als RAW angezeigt
Symptom: Windows fordert zur Formatierung der Partition auf, oder die Partition erscheint als RAW in der Datenträgerverwaltung.
Schritte:
- TestDisk → Datenträger wählen →
Analyse→ die Partition sollte erscheinen - Wird sie mit dem korrekten Dateisystem angezeigt: wählen →
Pzur Dateiprüfung - Sind Dateien sichtbar:
Writezur Wiederherstellung → neu starten - Ist das Dateisystem beschädigt: aus dem Hauptmenü →
Advanced→Boot→Rebuild BS(NTFS-Bootsektor neu aufbauen) - Nach dem Neuaufbau Zugriff aus Windows erneut testen
Fall 3: Selektive Wiederherstellung ohne Neuschreiben der Tabelle
Manchmal möchtest du die Tabelle nicht schreiben (Risiko bei einem instabilen Datenträger). TestDisk erlaubt direktes Kopieren von Dateien:
- Analyse → Partition finden →
P, um Dateien aufzulisten - Zum Zielordner navigieren
C, um die ausgewählte Datei/den Ordner auf einen anderen Datenträger zu kopieren
Selektives Kopieren (P dann C) ist besonders bei instabilen Datenträgern nützlich: Es vermeidet jeden Schreibvorgang auf das Quellmedium. Bei GPT-/Windows-11-Konfigurationen dient der sekundäre GPT-Header (am Ende des Datenträgers) oft als Sicherungskopie, wenn der primäre beschädigt ist, was die Rekonstruktion erleichtert.
Wann PhotoRec nutzen: konkrete Fälle und Schritte
Fall 1: Formatierte SD-Karte (verlorene Fotos)
Das klassische Szenario: Ein Fotograf formatiert versehentlich seine SD-Karte.
Schritte:
- Nach dem Vorfall NICHTS auf die SD-Karte schreiben (jeder Schreibvorgang überschreibt Daten)
- PhotoRec starten → SD-Karte wählen
- Partitionstyp:
None(File-Carving auf dem gesamten Datenträger, Umgehung der Partitionstabelle) - Dateisystem wählen:
Other(für FAT/exFAT) - Wiederherzustellende Dateitypen wählen (JPG, RAW, PNG, MP4 ankreuzen)
- Den Zielordner wählen (auf einem ANDEREN Datenträger)
- Start → warten (45 Min. bis 3 Std. je nach Größe)
Solange auf die Karte nach der Formatierung nicht geschrieben wurde, stellt PhotoRec in der Regel die große Mehrheit der Fotos wieder her – allerdings mit generischen Namen (f0000001.jpg …) und ohne die ursprüngliche Ordnerstruktur. Je mehr die Karte nach dem Vorfall genutzt wurde, desto geringer die Erfolgsquote.
Fall 2: Vollständig formatierter Datenträger (Partition leer neu angelegt)
- PhotoRec → den gesamten Datenträger wählen (nicht nur die Partition)
Partition→Whole disk- Quell-Dateisystem wählen (NTFS, ext4 usw.) →
Otherbei Unbekanntem - Scan starten
Die Scan-Geschwindigkeit hängt vor allem vom Durchsatz des Mediums ab: Eine mechanische HDD ist deutlich langsamer als eine NVMe-SSD. Rechne mit mehreren Stunden für einen vollständigen 500-GB-Scan auf einem mechanischen Datenträger, spürbar weniger auf einer SSD. Da ein „Whole disk"-Scan vollständig ist, plane Zeit ein und einen Zieldatenträger, der groß genug für die Ergebnisse ist.
Fall 3: Gezielte Extraktion nach Ransomware
Wenn einige Dateien nicht verschlüsselt sind (ältere Ransomware-Variante) und die Tabelle intakt, aber Dateien beschädigt sind:
- PhotoRec auf der betroffenen Partition
- Nur unverschlüsselte Formate filtern (JPG, PNG, ältere PDF)
- Mit den vorhandenen verschlüsselten Dateien abgleichen
Die Erfolgsquote variiert stark je nach Ransomware-Variante.
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Vergleichstabelle: 10 Kriterien
| Kriterium | TestDisk 7.2 | PhotoRec 7.2 |
|---|---|---|
| Oberfläche | CLI-Textmodus | CLI-Textmodus |
| Dateisysteme | NTFS, FAT, ext4, exFAT, HFS+, APFS, UFS … | dateisystemunabhängig (File-Carving) |
| Wiederherstellungstypen | Partitionstabellen, Bootsektoren, selektives Kopieren | über 500 Formate per Signatur |
| Scan-Geschwindigkeit (500-GB-HDD) | 5–20 Min. (Quick) / 2–6 Std. (Deep) | 3–8 Std. (vollständiger Scan) |
| Beste Ergebnisse, wenn … | Dateisystem-/Partitionsstruktur reparierbar ist | aktuelle Dateien, geringe Fragmentierung |
| Unterstützte Betriebssysteme | Win, Linux, macOS ARM64, BSD, DOS | Win, Linux, macOS ARM64, BSD, DOS |
| Dateinamen erhalten | Ja (wenn Dateisystem lesbar) | Nein (generische Namen) |
| Ordnerstruktur | Ja | Nein |
| Lizenz | GPL v2 – zu 100 % kostenlos | GPL v2 – zu 100 % kostenlos |
| Community | cgsecurity.org-Forum aktiv seit 2002 | dasselbe (gleiches Projekt) |
| Kostenpflichtige Alternative | EaseUS, R-Studio, Stellar | EaseUS, GetDataBack, Disk Drill |
Empfehlung nach Profil
Breites Publikum (nicht-technische Nutzer)
Weder TestDisk noch PhotoRec – keine grafische Oberfläche, Gefahr, die Lage durch falsche Eingaben zu verschlimmern. Direkte Empfehlung: EaseUS Data Recovery Wizard (kostenloses Kontingent bis 2 GB, Dateivorschau vor der Zahlung, intuitive Windows-/Mac-Oberfläche). Perfekt für gelöschte Dateien, geleerten Papierkorb, einfache verlorene Partition.
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Technik / Systemadministration
TestDisk als erster Reflex bei jedem Problem mit Partitionstabelle oder Bootsektor. Die CLI-Oberfläche ist vertraut, Root-Zugriff vorhanden, keine Zahlung nötig. Behalte PhotoRec als Backup, falls das Dateisystem nicht wiederherstellbar ist. Halte R-Studio oder ddrescue für Fälle mit defekten Sektoren bereit.
Fotograf (SD-Karten-Wiederherstellung)
PhotoRec ist das beste kostenlose Tool für formatierte SD-Karten. Es liefert die besten Ergebnisse, wenn die Karte nach dem Vorfall nicht wiederverwendet wurde. Vorgehen: Karte NICHT wiederverwenden, PhotoRec im „Whole disk"-Modus mit JPG/RAW/MP4-Filter. Kostenpflichtige Alternative zum Erhalt der Dateinamen: EaseUS Data Recovery Wizard (Fotovorschau vor der Wiederherstellung).
Forensik / digitale Ermittlung
Beide Tools zusammen in Reihenfolge. TestDisk, um den Partitionszustand zu dokumentieren und ohne Schreiben zu rekonstruieren (Nur-Analyse-Modus). PhotoRec für die vollständige File-Carving-Extraktion. Ergänze mit Autopsy oder FTK für eine vollständige forensische Analyse. Beide Tools sind in Kali Linux und DEFT standardmäßig enthalten.
Mehr dazu: Unser vollständiger Leitfaden zur Festplatten-Datenrettung 2026 deckt alle Methoden ab (Software + Labor), und unser Artikel zu den Kosten der Datenrettung hilft bei der Entscheidung, wann ein Profi nötig ist. Wenn du kommerzielle Software vergleichst, lies auch unseren Vergleich EaseUS vs. Recuva und unsere Auswahl der besten Datenrettungssoftware 2026.
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